Top
Erster Corvey Poetry Slam am 03.03.2016 Foto: Frederik Lange

Poetry Slam am Corvey

Ein Interview mit der Siegerin

Rosa von Stemm aus der 9b hat mit ihrem Text „Julia“ (s.u.) den ersten Corvey Poetry Slam gewonnen. YourTeam sagt herzlichen Glückwunsch und hat sie auf ein Interview getroffen.

YourTeam: Du hast dich ja ziemlich kurzfristig, zwei Tage vorher, noch für den Slam angemeldet. Wie ist es dazu gekommen? Hast du vorher schon mal an einem Poetry Slam teil genommen?

Ich habe eigentlich noch nie einen Poetry Slam mit gemacht, aber nachdem wir mit unserer Klasse bei einem waren, hat mir das eigentlich ganz gut gefallen. Die anderen waren auch so begeistert, dass wir einen klasseninternen Poetry Slam im Unterricht gemacht haben, für den habe ich dann den Text geschrieben. Letzendlich wurde ich eigentlich von meiner Klasse in letzter Sekunde noch überredet, mit zu machen, im Nachhinein eine sehr gute Entscheidung, es hat einfach Spaß gemacht, seinen Text auf der Bühne zu präsentieren.

YourTeam: Schreibst du sonst auch Texte?

Manchmal, eigentlich schreibe ich total gerne, aber meistens habe ich leider nicht so viel Zeit. „Julia“ ist der erste Text, den ich seit langem geschrieben habe.

YourTeam: Was machen Slam Texte für dich so interessant? Was macht deinen Text zu einem Slam Text?

Das besondere an einem Slamtext ist die Verbindung von freiem Vortrag und heraus gefeiltem Text. Einerseits kann man vorher jedes Wort einzeln umgedreht haben, andererseits steht man später einfach vor dem Publikum und muss sich spontan anpassen und seinen Text bestmöglich rüber bringen. Dadurch kann man als Autor entscheiden, mit welcher Atmosphäre der Text gehört werden soll und man kann viel mehr mit Rhythmus und Betonungen arbeiten. Als ich meinen Text geschrieben habe, habe ich versucht, mit diesen Mitteln zu arbeiten.

YourTeam: Dein Text geht ja um ein sehr ernstes Thema, was war deine Inspiration?

Man kann nicht sagen, dass es eine direkte Inspiration gab, die Idee kam einfach. Eigentlich hat es mich selbst überrascht, dass ich auf dieses Thema gekommen bin. Dann habe ich gemerkt, dass es Spaß macht, sich mit so einem schwierigen Charakter zu beschäftigen. Es ist mir wichtig, dass die Figur nicht auf mich bezogen wird.

YourTeam: Was macht den Hauptcharakter „Marianne Steinert“ für dich so interessant?

Ich finde es interessant, dass sie durch ihre Misserfolge psychisch schon so überlastet ist, dass sie in der beschriebenen Situation völlig über reagiert. Man weiß dabei nicht genau, was vorher mit ihr passiert ist, sondern kann es sich nur aus ihrem jetzigen Verhalten erschließen. Ich verstehe sie selbst immer noch nicht ganz, ich glaube, das macht sie für mich so interessant.

YourTeam: Warum lässt du sie sich selber mit „Du“ anreden?

Einerseits wollte ich, dass man ganz nah an Marianne dran ist, andererseits wollte ich nicht ganz Marianne sein, weil ich ohne Erfahrungswerte die Situation einfach nicht realistisch rekonstruieren kann. Außerdem ist die Ich- Perspektive mir in diesem Fall zu nah dran, weil das Publikum sich selbst fragen soll, warum Marianne so handelt.

YourTeam: Was willst du mit deinem Text rüber bringen?

Ich denke, es passiert oft in unserer Gesellschaft, das Menschen mit Situationen einfach überfordert sind, vielleicht sollte man darauf mehr achten, aber vielleicht sind überforderte Charaktere auch einfach die interessantesten Gegenstände für Texte, weil sie immer ein bisschen unverständlich bleiben.

YourTeam: Zuletzt noch: Papier oder Computer?

Also Ideen schreiben sich irgendwie besser auf Papier, aber wenn ich sie bearbeite, dann tippe ich sie vorher ab, das geht einfach besser.

Your Team: Wie geht es jetzt weiter?

Erstmal montiere ich die Glühbirne, dann habe ich wieder helles Licht zum Schreiben.

Your Team: Ein Schlusswort?

Ich kann Poetry Slam wirklich weiter empfehlen, für Slamer wie für Zuschauer, es macht einfach Spaß Texte vorzutragen und zu hören.

Julia

Du schaust erst auf die Reaktionen der anderen,

Überraschen, Enttäuschung, irgend etwas dazwischen,

dann erst auf deinen eigenen, kleinen, hellblauen Zettel.

Es war dein erster eigener kleiner hellblauer Zettel, seit, seit…

Ja. Seit.

Julia.

Gedruckte Buchstaben, du liest jeden einzeln,

fett, fast stolz, trotzig, stehen sie auf diesem unspektakulären, dünnen, hellblauen Zettel, mindestens Schriftgröße 36, in Bold gesetzt;

Der Kontrast zwischen dem Schwarz der Buchstaben und dem blassen Hellblau fällt dir auf, dem Hellblau deines ersten, eigenen, kleinen, hellblauen Zettels seit…

Ja. Seit.

Wie zart sich das Papier zwischen deinen Fingern anfühlt,

du zerknickst es ein wenig, während dem Versuch dir klar zu werden, was das heißt.

Julia, Schriftgröße 36, Bold.

Du schaust noch mal hin, deine Mundwinkel ziehen sich ganz unfreiwillig, vorsichtig,

ein winzig kleines Bisschen nach oben, etwas, das nur noch selten passiert, seit, seit…

Ja. Seit.

Julia, Schriftgröße 36, Bold.

Das ist es. Das, was du immer wolltest, immer schon. Eine Hauptrolle!

Alle würden dich sehen, sehen, wie du strahlst!

Du siehst ihn vor dir, den Zuschauerraum, lauter rote Sitze, samten und leer.

Aber sie würden sich füllen, ganz bestimmt!

Alles füllte sich mit der Zeit.

Der Kühlschrank in deiner WG, dein E-Mail-Postfach, das Loch in deinem Ich, das da war seit, seit…

Ja. Seit.

Naja, vielleicht füllte sich auch nur fast alles mit der Zeit.

Julia, Schriftgröße 36, Bold.

Es war besser als die Amme und besser als die Gräfin und besser als Pater Lorenzo.

Es war besser als alles andere.

Es war Julia.

Es war besser, als alles andere bis jetzt,

noch keine deiner Rollen war so spektakulär gewesen,

gut…,

die Bedienstete, die in alle Intrigen verstrickt war hatte etwas gehabt;

als du den betrunkenen Penner spielen musstest, war das witzig gewesen;

und sogar, als du einmal ein Stein warst, war das irgendwie eine interessante Erfahrung:

ganze eineinhalb stunden hattest du unter der grauen Fleecedecke gehockt, jedes Jucken an der Nase geflissentlich ignoriert, und versucht möglichst realistisch einen kleinen Findling darzustellen. Du hast versucht ganz … stein zu sein.

Es hatte Extra-Applaus gegeben – für deine Ausdauer.

Und es war ganz am Anfang gewesen.

Es war vor dem Seit

Ja. Seit.

Vor dem Seit gewesen, vor allem.

Und jetzt:

Julia.

Julia, Schriftgröße 36, Bold

Es war fast schon ironisch, vom Stein zur Julia.

„Am Anfang waren alle Steine“, denkst du und versuchst zu realisieren, dass du gerade katapultartig in DIE Hauptrolle, deine Hauptrolle, aufgestiegen bist.

Du siehst deinen Namen schon im Prospekt eures Theaters stehen, ganz oben, hinter Romeo oder sogar davor,

Julia___dargestellt von Marianne Steinert

Julia.

Julia.

Julia, Schriftgröße 36, Bold

Du lachst leise.

Und erschrickst! dieses Geräusch hast du eindeutig zu selten gehört in den letzen Tagen, Wochen, Monaten, seit, seit…

Ja. Seit.

Dann aber lässt du deinen Blick langsam auf das inzwischen zerknüllte, hellblaue Zettelchen fallen, du betrachtest es sehr lange, nachdenklich und liebevoll.

Vorsichtig streichst du deinen ersten, eigenen, kleinen, hellblauen Zettel glatt.

Da steht noch etwas, noch etwas in Schriftgröße 36, Bold,

eine römische Zahl.

Du bist dir nicht sicher;

Mit Zahlen hast du‘s nicht so, vor allem mit diesen völlig… unnötigen, römischen, wo sowieso keiner weiß, welche Zahl damit gemeint, ist.

Du kommst zu dem Schluss, dass es eine Zwei darstellen soll,

eine römische Zwei hinter Julia, deiner Julia, deiner Hauptrolle,

was machte die Zwei hinter Julia, sie sollte abhauen, aber plötzlich!

Schriftgröße 36 kommt dir plötzlich brutal vor, du wirst wütend,

sie haben auch die Zwei in Bold gesetzt, eine fette, römische Zahl hinter deiner Hauptrolle.

Julia, römisch Zwei, Schriftgröße 36, Bold.

Das war mit Abstand das Schlimmste, seit, seit…

Ja. Seit.

Keine Hauptrolle, wieder nicht.

Wie hattest du es auch in Erwägung ziehen können,

du bist eindeutig eher der Stein-Typ, als der Julia-Typ

Das letzte Mal war es genau so gewesen und dann…

war es eben geschehen, das „Seit“ war geschehen.

Und natürlich hatten sie alle gefragt:

„warum, denn Frau Steinert, warum?“

Deine Antwort war immer die selbe gewesen:

„Ich weiß es nicht“, hattest du gesagt.

Und dann, immer etwas leiser: „Ich weiß es nicht.“

Und dann immer ein drittes Mal und dann noch leiser: „Ich weiß es nicht.“

Freunde, die aus deiner WG, hatten gefragt:

„Was war los, wie können wir dir helfen, Marianne, sag was!“

Und du hattest gesagt:

„Nichts war los, keine Ahnung, es war zu viel, es war zu wenig für mich und dann stand ich plötzlich und ganz zufällig auf dieser Brücke, ja, der Brücke, und – ich hab auch keine Ahnung was los war, ok?!“

Du hattest gesagt:“Ich weiß es nicht.“

„Ich weiß es nicht.“, hattest du leise noch einmal gesagt.

Und geflüstert hättest du immer ein drittes Mal: „Ich weiß es nicht.“

Natürlich warst du nicht gerade zufällig auf der Brücke gewesen,

es war dein Nach-Hause-Weg

es war geplant, wenn auch vielleicht unterbewusst…

Das war das „Seit“

Hättest du es aber jemandem erzählt, sie hätten gelacht,

„Ist doch nur eine Rolle, Marianne! Und wegen solch einer Lapalie? Und deswegen hast du

***

begangen?“

und dann hätten sie das S-Wort gesagt, und du weißt, du meinst nicht „Scheiße“, du meinst mehr als „Scheiße“, das S-Wort war verboten, Tabu.

Es klang nach Therapie, Problemen, nach Psycho, nach Tod.

Es klang nach „Seit…“

Du schauderst, so versunken in die verbotenen Gedanken,

das war jetzt alles abgeschlossen, hattest du dir gesagt,

das „Seit“ war eindeutig abgeschlossen, hattest du dir eingeredet.

… und jetzt wieder das Gleiche, wieder keine Hauptrolle,

aber diesmal war es härter, brutaler, krasser.

Julia.

Julia, römisch Zwei, Schriftgröße 36, Bold.

„Römisch zwei.“, flüsterst du in die Stille, fast alle von ihnen waren gegangen.

„Römisch zwei.“

Du weißt, du wirst ewig die Römisch Zwei bleiben, ewig der Stein, das Loch, dass sich nicht füllen ließ, das Loch in deinem Ich.

Still gehst du nach Hause, nach Hause zu deinem WG-Kühlschrank, der sich, im Gegensatz zu dir, dem Loch in deinem Ich, füllen lässt.

„Ich weiß es.“ murmelst du, während du die Brücke betrittst, unter dir rauscht das Wasser, „Ich weiß es.“

Und dann ein letztes, drittes, und besonders leises Mal: „Ich weiß es.“