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Foto: Andreas Fischer

Zeitzeugenbefragung mit dem KZ-Überlebenden Hans Gärtner

Am 24. Februar hatte das Corvey  Gymnasium einen besonderen Gast: Hans Gärtner, 90 Jahre alt, war gekommen um den Schülerinnen und Schülern der zehnten Klassen und zwei Kursen des S2 und S4 von seinen Erlebnissen in den Lagern von Theresienstadt und Auschwitz zu berichten, und auch davon, wie ein Mensch solche Erlebnisse verarbeiten und überleben kann.

Zu Beginn der Veranstaltung wurde ein Ausschnitt aus einem Film über das Schicksal der Familie Gärtner gezeigt. Der Film war, wie die Bürgerschaftsabgeordnete Frau Nitruch den Anwesenden vorab erläuterte, entstanden aus Fragen, die seine Tochter und Enkeltöchter an Hans Gärtner gestellt haben.

Als tschechische Staatsbürger war die in Hamburg wohnhafte Familie Gärtner zunächst nicht von den „Nürnberger Gesetzen“ betroffen. 1941 jedoch wurde Gärtners Vater, der Anwalt Erich Gärtner von Hamburg nach Minsk deportiert, wo er auch umkam. Der Familienbesitz wurde, wie es die Nürnberger Gesetze vorsahen, von den Nazis beschlagnahmt.

Vor dem Haus in Eppendorf, in dem die Familie lebte, erinnert heute ein sogenannter „Stolperstein“ an das Schicksal der Familie. Hans Gärtner, der inzwischen wieder in Prag lebte, wurde 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und von dort ein Jahr später weiter nach Auschwitz. Als „arbeitsfähiger Jude“ war er zwischenzeitlich zusammen mit etwa 1.000 anderen Häftlingen Zwangsarbeiter in Deutschland, im Lager Schwarzheide bei Dresden. Nur 300 von ihnen haben überlebt. Als 1945 die Rote Armee näher rückte, ließ die SS alle noch Überlebenden des Lagers Auschwitz zurück nach Theresienstadt marschieren, um Spuren zu verwischen. Eindrucksvoll erzählt Gärtner, wie er auf dem sogenannten „Todesmarsch“ so hungrig gewesen sei, dass er die Holzwolle in seinen Schuhen gegessen habe. Und fügt trocken hinzu:  „Sie (die SS) scheuchten uns über die Grenze der inzwischen befreiten Tschechischen Republik. Und dann waren sie auf einmal futsch – verschwunden in der Dunkelheit.“

Im Anschluss hatten die Schülerinnen und Schüler Gelegenheit, Fragen zu stellen. Viele Fakten sind den Zuhörern aus dem Geschichtsunterricht bekannt, dennoch ist es etwas gänzlich anderes, davon aus erster Hand erzählt zu bekommen. Als Gärtner von der Selektionsrampe in Auschwitz berichtet, wird es noch stiller im Raum.

Wie er es geschafft habe, im Lager psychisch und physisch nicht zusammenzubrechen, möchte eine Schülerin wissen. Die erstaunliche Antwort: Da man auch im Ghetto von Theresienstadt nichts von den Gaskammern gewusst habe und er zudem meist genug zu Essen hatte, habe er eigentlich keine Angst gehabt: „Ich war ein recht unbekümmerter junger Mann.“

In der Schule in Hamburg sei er im Grunde keiner Verfolgung oder Hetze ausgesetzt gewesen, berichtet Gärtner. Er habe sich allerdings „auch nicht damit gebrüstet, Jude zu sein“, sodass viele Mitschüler und Lehrer dies gar nicht wussten. „Mit dem Schimpfwort ‚oller Tscheche‘ konnte ich gut leben.“

Ein wichtiges Thema für die Schülerinnen und Schüler war der Umgang mit den NS Verbrechen heute. Ob er es als befriedigend empfinde, wenn jetzt noch Kriegsverbrecher verurteilt würden?

Gärtner verneint. Was mache es schon für einen Unterschied, wenn jetzt noch ein sehr alter Mann vor Gericht steht und dieser dann sowieso Haftverschonung bekommt? Mit der deutschen Justiz an sich hat er schon eher ein Problem. So war Gärtner vom Ausgang der Auschwitz Prozesse in den 1960er Jahren enttäuscht, da dort trotz zahlreicher Zeugen und erdrückender Beweise nur wenige Täter verurteilt wurden, unter anderem, weil der juristische Begriff „Mord“ nicht auf die Gräueltaten angewendet werden konnte.

27 Verwandte hat Hans Gärtner im Holocaust verloren. Dennoch habe er keine Schwierigkeiten gehabt, sich nach der Befreiung wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Er lebte in Hamburg und Köln und emigrierte dann schließlich in die Schweiz.

Der Film über Hans Gärtner trägt den Titel „Resilienz“, also in etwa ’seelische Widerstandsfähigkeit‘. Wie Gärtners Schwiegersohn im Film berichtet, ist dessen Überlebensstrategie ein detailliertes Erinnern und Erzählen. Gärtner kann über die Zeit der Entrechtung und Verfolgung „distanziert wie ein Reporter“ berichten und seine größte Leistung sei es,  trotz aller schrecklichen Erfahrungen nie verbittert worden zu sein.

Tatsächlich ist „Freut euch des Lebens“ das Lebensmotto des Hans Gärtner.

Wir bedanken uns, dass er unser Gast war und wir einen der letzten Zeitzeugen des Holocaust befragen durften. Wir bedanken uns auch bei Herrn Senenko von der Geschichtswerkstatt Ohlsdorf, der Herrn Gärtner beim Gespräch auf dem Podium unterstützt hat und bei Frau Nitruch vom Stadtteilarchiv Eppendorf, die den Kontakt zu Herrn Gärtner hergestellt und ihn mit begleitet hat.

Frauke Ibe – Fachleitung Geschichte